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Arztkarriere: Buntheit und Bewegung gefragt

Prim. Prof. Dr. Günther Bernert, Vorstand der Kinder- und Jugendheilkunde am SMZ Süd mit Muskelambulanz und Präsident der Österreichischen Muskelforschung, zählt hierzulande zu den anerkanntesten Experten für neuromuskuläre Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Ein Fachbereich, der zunehmend an Bedeutung gewinnt.


Prim. Doz. Dr. Günther Bernert, Vorstand der Kinder- und Jugendheilkunde am SMZ Süd mit Muskelambulanz und Präsident der Österreichischen Muskelforschung. FOTO: Österr. Muskelforschung/Arnd Ötting

?Die demografische Entwicklung fordert von der Medizin immer öfter die Konzentration auf die alternde Bevölkerung und ihre Erkrankungen. Sie gehen den gegenteiligen Weg und stellen als Neuropädiater und Muskelspezialist Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt. Wie kam es im Laufe Ihrer Karriere zu dieser Spezialisierung?
Meine Basisausbildung ist Kinder- und Jugendheilkunde, innerhalb dieses großen Faches habe ich mich auf neurologische Erkrankungen konzentriert und hier wiederum auf die Muskulatur. Wenn man so will, hat mich die Neonatologie dort hingeführt, die meine erste Spezialisierung war. Mich hat interessiert, unter welchen Voraussetzungen sich Frühgeborene trotz der vielen Risiken, denen sie ausgesetzt sind, dennoch neurologisch gesund weiterentwickeln können. Wir waren damals eine der ersten Abteilungen, die gute Ultraschallbilder vom Gehirn machen konnten und somit pathologische Veränderungen des Gehirns bei Frühgeborenen wie Hirnblutungen und auch ischämische Schädigungen und deren mögliche Auswirkungen auf die spätere Entwicklung untersuchen konnten. Immer wieder haben wir festgestellt, dass es auch Neugeborene ohne pathologische Veränderungen des Gehirns gab, die sich nicht normal weiterentwickelten. Darunter fanden sich auch solche, die hypoton und muskelschwach waren, was mich auf das Gebiet der genetisch bedingten, angeborenen Muskelkrankheiten führte. Trinken, atmen oder die Nase auch in Bauchlage freihalten, dazu ist jeder gesunde Säugling in der Lage, außer seine Muskulatur ist zu schwach dazu. Wir haben uns dann auch damit beschäftigt, Muskelgewebsproben nicht durch eine offene chirurgische, sondern Nadelbiopsien zu entnehmen, was damals bei dieser Fragestellung an keiner anderen Abteilung in Österreich gemacht wurde. Dann haben wir auch eine Einrichtung gefunden, die diese Biopsien auch histologisch aufarbeiten konnte – damit waren wir Pioniere auf diesem Gebiet und haben rasch eine Expertise erlangt, die österreichweit, aber auch über die Grenzen hinaus angesehen und anerkannt wurde.

?Wie wichtig waren für Sie Auslandsaufenthalte?

Ich war in der belgischen Stadt Leuven an einem der besten Kinderspitäler Europas und habe dort ein Jahr als Research Fellow in der Säuglingsneurologie gearbeitet. Dort habe ich die Technik der Nahe-Infrarot-Spektroskopie für Studien zur Hirndurchblutung und Oxygenierung verwendet und dazu beigetragen, auch die Auswirkungen von Routine-Pflegemaßnahmen bei Frühgeborenen auf deren zerebrale Durchblutung und Oxygenierung zu untersuchen. Dieser Auslandsaufenthalt war damals für junge Ärzte aus nicht universitären Abteilungen sehr ungewöhnlich, hat aber neben dem wissenschaftlichen Output auch dazu beigetragen zu erfahren, wie Kliniken in anderen Ländern strukturiert sind und wie in meinem Spezialgebiet auf internationalem Niveau geforscht wird. Ich denke, dass man von solchen Aufenthalten auch mitnehmen kann, wie organisiert wird, ein Ausgleich zwischen Arbeit am Patienten, Lehre und Forschung hergestellt wird, aber auch, was „Führungskultur“ bedeutet. Ich bin überzeugt, dass man sich auch persönlich in dieser Zeit sehr stark weiterentwickelt, weil es eine stimulierende Herausforderung ist, bestimmte Aufgaben in einem unbekannten Umfeld zu lösen.

?Was haben Sie dabei Besonderes gelernt?
Nicht nur das, was ich bereits erwähnt habe, sondern auch, dass andere auch nur „mit Wasser kochen“ und dass man weiterkommen kann, wenn man sich engagiert und etwas dafür einsetzt. Viel Arbeit ist immer notwendig, denn der Erfolg fällt niemandem in den Schoß, weder im In- noch im Ausland.

?Die Lebenserwartung von Kindern mit chronischen oder seltenen Erkrankungen steigt, sie erreichen zunehmend öfter das Erwachsenenalter. In welchen Kompetenzbereich fällt das und sind wir dafür gerüstet?
Wir lernen hier gerade sehr viel dazu. Kinder und Jugendliche mit Muskelerkrankungen, die früher aufgrund der begrenzten Lebenserwartung praktisch ausschließlich im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde behandelt wurden, erreichen immer öfter das Erwachsenenalter, und das auch mit deutlich besserer Lebensqualität, was man an den Schulabschlüssen und Berufseinstiegen ablesen kann. Für die Medizin des Erwachsenenalters ist es dann oft eine Herausforderung, sich den Bedürfnissen dieser Patienten zu stellen, da oft nicht nur der Neurologe, sondern auch andere Fächer wie Pulmologie und Kardiologie gefordert sind. Dann ist man mit Patienten konfrontiert, die einerseits eine „neurologische“ Erkrankung haben, anderseits aber auch eine nicht-invasive Beatmung und spezialisierte kardiologische Betreuung benötigen. Skelett und Bewegungsapparat haben sich durch die Muskelkrankheit verändert, man braucht Orthesen, einen Rollstuhl oder sogar eine Wirbelsäulenoperation. Es braucht Geduld und immense Erfahrung, sich mit den vielfältigen Folgen einer Muskelerkrankung zu beschäftigen und auch das Interesse, hier in die Tiefe zu gehen und mit Experten aus anderen Fachgebieten im Team zu arbeiten. Leider wird diese Vertiefung von unserem Gesundheitssystem oft weder gefordert noch ausreichend honoriert. Je seltener und komplexer die Erkrankung, desto schwerer wird es für die Patienten, eine interdisziplinär abgestimmte Versorgung zu bekommen. Vieles davon ist auf den ersten Blick nicht spektakulär, andererseits notwendig und für den Patienten der Schlüssel zu besserer Lebensqualität. Die Pädiatrie hat die Tradition, über die Grenzen von Organsystemen hinaus zu denken und zu agieren, jetzt müssen wir diese Tradition hinaustragen. 

?Sie haben an der Sigmund Freud Universität (SFU) den ersten und einzigen Lehrstuhl für neuromuskuläre Erkrankungen in Österreich – was bedeutet diese Aufgabe für Sie?
Ich freue mich, dass es dort meine zentrale Aufgabe ist, einen passenden Platz für dieses Thema in der Ausbildung zu finden, die oben angesprochene Breite zu vermitteln und gleichzeitig das sich exponentiell vermehrende Wissen auf diesem Gebiet zu lehren. Das ist dann wie die Emanzipation des Platzes zwischen den Stühlen.

?Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, um als Mediziner erfolgreich zu sein?

Mediziner können auf unterschiedliche Arten erfolgreich sein, das müssen nicht unbedingt akademische Lorbeeren sein. In der Position als Abteilungsvorstand ist für mich Erfolg, wenn das Kunststück gelingt, die Breite des Faches, die Kernkompetenz der Abteilung und das Abteilungsmanagement, was auch die menschliche Seite des Führens inkludiert, unter einen Hut zu bringen, also eine Balance zwischen Experten-  und Führungsrolle, zwischen Forderung des Trägers, Notwendigkeit der Struktur und Arbeitszufriedenheit zu finden. Die Belohnung ist das Gefühl der Bereicherung, wenn dieser Spagat glückt.

?Wo sehen Sie derzeit die großen Herausforderungen in Ihrem Arbeitsumfeld?
Eine große Herausforderung ist es, die notwendige Arbeit so zu verteilen, dass das Wichtige getan wird und gleichzeitig noch Zeit bleibt, die Qualität des Geleisteten zu verbessern. Wir wollen ja nicht nur den Status quo aufrechterhalten, sondern etwas besser machen. Da stoßen wir manchmal  durchaus an unsere und die Grenzen der Strukturen, in denen wir arbeiten. Viele haben den Eindruck, dass der Arbeitsdruck deutlich höher geworden ist. Notwendige strukturelle Änderungen zu integrieren, die Aufgaben da und dort neu zu verteilen, die ohnedies vorhandenen Belastungen nicht noch weiter zu erhöhen, sind nur die wichtigsten Herausforderungen, die wir bewältigen müssen.

?Was wünschen Sie sich von unserem Gesundheitsministerium, wenn eine neue Regierung gewählt ist?

Vieles; daraus nur eine Beispiel: Es gibt neue Therapien, die so teuer sein werden, dass sie den Rahmen der Sozial- und Krankenversicherungssysteme sprengen. Da braucht es von der Politik Mut und Entschlossenheit, das anzusprechen und Lösungen vorzuschlagen. Und wir brauchen einen Konsens, wie wir damit als Gesellschaft umgehen wollen. Ich wünsche mir auch, dass der oder die neue Gesundheitsminister(in) diese Aufgaben sieht und die Lenkungsaufgaben des Ministeriums wahrnimmt. rh

Tipps für Ihre Karriere

  1. Werden Sie nur Arzt, wenn das wirklich Ihr Herzenswunsch ist.
  2. Suchen Sie sich medizinische und menschliche Vorbilder und lernen Sie von diesen.
  3. Machen Sie Ihren Karriereweg bunt und bewegen Sie sich: Wechseln Sie die Spitäler, gehen Sie für eine Zeit ins Ausland.
  4. Schaffen Sie sich auch unter knappen Ressourcen genug Freiräume, um sich laufend zu verbessern. Unser Beruf ist das Musterbeispiel für die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens.

Stationsarzt/Stationsärztin

Evangelisches Krankenhaus Wien; 1180 Wien (zur Ausschreibung)

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diverse Ausschreibungen Fachärzte/Fachärztinnen

Tauernkliniken GmbH; 5700 Zell am See (zur Ausschreibung)

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Arzt/Ärztin für Allgemeinmedizin oder FA für Orthopädie und orthopädische Chirurgie oder FA für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation

Klinikum Schallerbacherhof; 4701 Bad Schallerbach [zur Ausschreibung]

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Assistenzärzte und Fachärzte (m/w) für Psychiatrie und Psychotherapie

kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen (Vils); D-84416 Taufkirchen (Vils) [zur Ausschreibung]

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Sekundarärztin/ -arzt für die Akutgeraitrie und Remobilisation

Barmherzige Schwestern Ried; 4910 Ried im Innkreis [zur Ausschreibung]

Kooperationspartner