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Forschung braucht Interdisziplinarität

Der Wissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Gernot Desoye, Experte für Gestationsdiabetes, wünscht sich mehr medizinische Grundlagenforschung. Dafür fehlt es einerseits an Geld und einem grundsätzlichen Interesse, aber auch zu viel „Überverwaltung“ hemmt den Fortschritt.


Ao. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye, Medizinische Universität Graz. FOTO: ZVG

Für seine herausragende wissenschaftliche Leistung über drei Jahrzehnte in der Erforschung des Schwangerschaftsdiabetes wurde Univ.-Prof. Dr. Gernot Desoye, Med Uni Graz, in San Diego mit dem renommierten Norbert Freinkel Award ausgezeichnet. Damit ehrt die American Diabetes Association den wertvollen Beitrag des Grazer Experten zum besseren Verständnis und zur Therapie von Schwangerschaftsdiabetes.

?Wie sind Sie vom Studium der Biochemie in der medizinischen Forschung gelandet?
Forschung war von vorneherein mein Ziel. Ich habe in die Industrie geschnuppert und dabei rasch erkannt, dass ich in die akademische Forschung gehen möchte. Dass das Thema meiner Arbeit Schwangerschaftsdiabetes werden würde, war aber Zufall. Ich kam an die Klinik und hatte noch kein Forschungsthema. Ein international anerkannter Arzt hat mir von seinen Fragen im Bereich Gestationsdiabetes erzählt und so brachte er mich zu diesem Thema.

?Bitte erklären Sie kurz, worum es bei Ihrer Forschung geht.

Nicht zuletzt die Adipositas-Welle, die die industrialisierte Welt seit Jahren erfasst hat, führt dazu, dass wir immer mehr Fälle von Schwangerschaftsdiabetes verzeichnen. Mütterliche Adipositas scheint ein starker Auslöser für Schwangerschaftsdiabetes zu sein. Ursprünglich lag mein Interesse eher bei der Frage, welche Rolle die Plazenta bei Schwangerschaftsdiabetes und der exzessiven Fettanlagerung in den Neugeborenen spielt, denn es galt als gesichert, dass sie dafür relevant wäre. Mein Forschungsteam und ich haben jedoch erarbeitet, dass sie im Wesentlichen keine Rolle spielt, zumindest am Ende der Schwangerschaft. Einzig die Tatsache, dass die Plazenta ausgleichend wirkt, also Probleme, die in Föten auftauchen, zu kompensieren sucht, ist in diesem Zusammenhang relevant.

?Was bedeuten Ihre Forschungsergebnisse für die Zukunft?
Ich denke, dass wir mehr daran interessiert sein sollten, was am Anfang einer Schwangerschaft passiert. Klinische Daten zeigen, dass das erste Trimester den weiteren Verlauf der Schwangerschaft wesentlich mitprägt. Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dass man international dazu übergeht, Frauen schon am Anfang der Schwangerschaft zu testen. Internationale Bemühungen versuchen, Biomarker zu finden, um Risiken einschätzen zu können. Unsere klinischen Studien versuchen zu zeigen, dass man durch eine frühe Verbesserung des Lebensstils das Risiko eines Gestationsdiabetes reduzieren kann. Dazu gab es eine eigene klinische Studie europaweit, in der getestet wurde, in welcher Weise gezielte Lebensstiländerungen zu einer Reduktion der Schwangerschaftsdiabetes-Gefahr führen. Es gelang leider nicht, eine Reduzierung des Risikos für Schwangerschaftsdiabetes zu finden, einzig die Gewichtszunahme der Schwangeren wurde positiv beeinflusst. Das Fehlen des Effektes auf Schwangerschaftsdiabetes liegt vermutlich daran, dass die Intervention, die im Schnitt in der 15. Schwangerschaftswoche begonnen wurde, zu spät erfolgte. Schwangerschaftsdiabetes wird üblicherweise in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche klinisch diagnostiziert. Ich glaube, das ist zu spät. Wenn wir das belegen können, und internationale Studien dazu laufen gerade, könnte sich daraus eine frühere, effektivere Form der Schwangerenbetreuung ergeben.

?Welche Innovationen oder Entdeckungen Ihres Fachgebietes erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Ich hoffe, dass wir die wichtigsten Risikofaktoren am Anfang der Schwangerschaft erarbeiten können. Das wäre ein großer Fortschritt für Frauen, die einen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln, und für ihre Kinder, die im Anschluss Probleme bekommen. Die Biomarkerforschung in diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Schritt zu mehr Wissen um die Risiken. Denn wir wissen heute, dass das Risiko von Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, später Typ-2-Diabetes zu entwickeln, hoch ist.
50 % haben elf Jahre nach der Geburt einen gestörten Glukose-Metabolismus, die Vorstufe von Typ-2-Diabetes. Gleiches gilt für das Neugeborene. 40 % der Neugeborenen, deren Mütter Schwangerschaftsdiabetes hatten, sind elf Jahre nach der Geburt übergewichtig oder adipös – unabhängig vom Gewicht der Mütter. Das heißt, es handelt sich hierbei um einen sich selbst verstärkenden Zyklus, wenn die Kinder Mädchen sind und selbst übergewichtige Mütter werden, mit einem aus diesem Grund wiederum erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes. Daher ist es notwendig, in einer sehr frühen Lebensphase zu intervenieren. Das Bewusstsein dafür ist aber noch nicht vorhanden, auch im Rest Europas noch nicht. Die Grundlagen für kindliche Adipositas werden in der Schwangerschaft gelegt.

?Sie haben den renommierten Norbert Freinkel Award als Anerkennung für Ihre Erkenntnisse erhalten. Was bedeuten Preise für Sie als Forscher?
Ich forsche völlig unabhängig von Preisen, sie beeinflussen mein Tun nicht, aber Preise sind natürlich eine schöne Form der Anerkennung, vor allem wenn sie von bedeutungsvollen Gesellschaften kommen.

?Wie wichtig ist interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Forschung? In welcher Weise arbeiten Sie interdisziplinär?
Interdisziplinär zu arbeiten, ist das Um und Auf der Forschung. Die Plazenta ist ein Organ, das sowohl mit der mütterlichen als auch mit der kindlichen Zirkulation in Kontakt ist. Wir möchten diese Interaktion verstehen. Daher ist es unumgänglich, dass wir mit Klinikern, Endokrinologen, aber auch jenen, die die Erkenntnisse in die Praxis umsetzen, und mit medizinischen Gesellschaften kooperieren.

?Was bedeuten die Arbeiten für den Forschungsstandort Österreich?
Unser langfristiges Ziel ist die Verankerung der entsprechenden Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass. In dieser Hinsicht ist Österreich weit voraus, das muss man explizit anerkennen. Mit Professor Kautzky-Willer, die den Mutter-Kind-Pass letztlich durchsetzte, haben wir in Österreich eine Vorreiterrolle eingenommen, denn andere Länder zogen erst dann nach oder haben ihn bis heute nicht durchgesetzt. Ich bin froh, dass wir dieses Screening in Österreich haben – im internationalen Vergleich ist Österreich hier top.
Ansonsten müssen wir wohl zugeben, dass in der industriellen und der anwendungsorientierten Forschung viel getan wird, aber leider nicht in der Grundlagenforschung. Dafür fehlt Geld, aber auch das grundsätzliche Interesse, etwas zu tun.

?Was müsste sich ändern?
Man könnte vermutlich die vorhandenen Ressourcen besser nutzen. Wir sind überverwaltet. Und man müsste fokussierter forschen, multidisziplinär. Förderungen sollten mehr auf Gruppenebene und weniger individuell vergeben werden. Doch das bedarf einer Änderung der Kultur – auch an den Universitäten selbst.

?Was würden Sie sich noch für Ihre Forschung wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Zugang zu Schwangeren im ersten Trimester hätten. Wir kooperieren mit Ärzten, aber wir bräuchten noch mehr Kooperationen. Außerdem wäre eine umfassende Datenbank über alle Schwangerschaften in Österreich sowie danach über die Mütter und Kinder schön – Datenbanken fehlen oft in Österreich, das ist eine große Lücke. Damit sind auch große epidemiologische Studien fast unmöglich.

?Was fehlt Ihrer Ansicht nach in der medizinischen Ausbildung im Hinblick auf Forschung?

Ich kann nichts über die medizinische Ausbildung sagen, weil ich Biochemiker und kein Mediziner bin. Ich würde mir aber wünschen, dass es insgesamt mehr Bewusstseinsbildung für Forschung gäbe, dass also Menschen in Ausbildung, auch Mediziner, nicht unbedingt durch Zufall Forscher werden, sondern weil sie von Anfang an danach streben. Dafür müsste aber ein Studienzweig eingerichtet werden, in dem medizinische Forscher ausgebildet werden. bw

Kurzbio

Ao. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye studierte Chemie an der Karl-Franzens-Universität Graz und erhielt die Lehrbefugnis für medizinische Biochemie im Jahr 1992. Er verbrachte von 1980 bis 1982 zwei Jahre als Postdoc am Max-Planck-Institut. Heute ist der Biochemiker Forschungsleiter am Institut für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Professor am Institut für medizinische Biochemie und Molekularbiologie an der Med Uni Graz. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Rolle der Plazenta beim Schutz des Fötus vor negativen mütterlichen Einflüssen, die zu Entzündungen führen, die mit Diabetes und Adipositas in Verbindung gebracht werden. Desoye erhielt zahlreiche Auszeichnungen, ist Mitglied in mehreren Gesellschaften und Fachgutachter sowie Herausgeber von wissenschaftlichen Zeitschriften.

Tipps für Ihre Karriere

  1. Suchen Sie sich Mentoren, die von Forschung begeistert und international verankert sind. Diese Mentoren können Sie mitreißen.
  2. Lassen Sie sich nicht von Modeerscheinungen anstecken, sondern verfolgen Sie konsequent Ihre Forschungsinteressen. Das wird immer schwieriger, weil es nur mehr Geld für populäre Themen gibt, aber bleiben Sie am Ball.
  3. Seien Sie international, forschen Sie im Ausland, am besten unmittelbar nach dem Studium. Sie lernen dadurch andere Forschungskulturen und Organisationen kennen und erweitern Ihren Horizont.

Stationsarzt/Stationsärztin

Evangelisches Krankenhaus Wien; 1180 Wien (zur Ausschreibung)

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diverse Ausschreibungen Fachärzte/Fachärztinnen

Tauernkliniken GmbH; 5700 Zell am See (zur Ausschreibung)

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Arzt/Ärztin für Allgemeinmedizin oder FA für Orthopädie und orthopädische Chirurgie oder FA für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation

Klinikum Schallerbacherhof; 4701 Bad Schallerbach [zur Ausschreibung]

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Assistenzärzte und Fachärzte (m/w) für Psychiatrie und Psychotherapie

kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen (Vils); D-84416 Taufkirchen (Vils) [zur Ausschreibung]

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Sekundarärztin/ -arzt für die Akutgeraitrie und Remobilisation

Barmherzige Schwestern Ried; 4910 Ried im Innkreis [zur Ausschreibung]

Kooperationspartner