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Forschung mit Herz und Kultur

Der österreichische Biochemiker Prof. Dr. Oliver Hayden erhielt gemeinsam mit dem niederländischen Hämatologen Jan van den Boogaart in der Kategorie „Industrie“ den Europäischen Erfinderpreis 2017. Der Anlass: ein automatisierter Malaria-Bluttest für ein Routineblutbild.


Prof. Dr. Oliver Hayden, Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Biomedizinische Elektronik, Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik, am TranslaTUM, Campus Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München. FOTO: Heddergott/TUM

Das Europäische Patentamt (EPA) würdigte damit die Arbeit der beiden Forscher, die einen automatisierten Blutschnelltest für Malaria entwickelten, der die Infektion schnell und mit hoher Sensitivität erkennt – und damit einen Meilenstein setzt. „Der automatisierte Malaria-Test des Teams könnte ausschlaggebend im Kampf gegen diese tödliche Krankheit sein“, sagte EPA-Präsident Benoît Battistelli. „Die Erfindung macht außerdem deutlich, welche positiven Effekte es haben kann, ein Problem aus einem komplett anderen Blickwinkel zu betrachten und verschiedene Felder wie Medizin und Informationstechnologie miteinander zu verbinden.“ Mit dem Preis ehrt das EPA jedes Jahr herausragende Erfinder aus Europa und der ganzen Welt, die einen besonderen Beitrag zu gesellschaftlicher Entwicklung, technologischem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum geleistet haben. Prof. Hayden erklärt Karriere-MEDIZIN im Interview, wie es ihn in die Forschung verschlug, warum Interdisziplinarität nicht das Credo guter Forschung ist und warum der Forschungsstandort Österreich besser ist als sein Ruf.

?Warum haben Sie sich für die Biochemie entschieden?
Ich war schon als Schüler von Chemie und Biologie fasziniert und hatte das Glück, engagierte Lehrer am Gymnasium Schlierbach zu haben.

?Und die Forschung – wie sind Sie in der Forschung gelandet?

Wie immer spielt der Zufall die wesentliche Rolle. Während meiner Promotion habe ich mich mit künstlichen Antikörpern auseinandergesetzt und einen dem Kartoffeldruck ähnlichen Prozess entwickelt, der biologische Strukturen, wie Viren, in Polymerfilmen abbildet. Dieser Ansatz war Neuland und daraufhin hat mein Doktorvater Prof. Dickert mir eine Habilitation angeboten. Dieses Angebot war verlockend, denn ich war der naiven Meinung, ich könnte nun etwas eigenständig entwickeln, mit dem ich mich am Ende des Tages mit einer kleinen Firma selbstständig machen könnte. Und so landete ich in der Forschung.

?Waren es von vorneherein medizinische Themen, die Sie interessiert haben?

Rückblickend betrachtet nein, da ich keinen Zugang hatte. Meine Forschung als Habilitand erlaubte mir, mich mit biotechnologischen Problemstellungen zu beschäftigen, aber von Präklinik und Klinik war ich weit entfernt. Mit In-vitro-Diagnostik beschäftige ich mich eigentlich erst in den letzten fünf Jahren intensiver. Den Großteil meiner Forschung habe ich mit halbleitenden Materialien verbracht, wo wir unter anderem versucht haben, kostengünstige Flachbilddetektoren für die Röntgenuntersuchung zu entwickeln.

?Was erwarten Sie von Ihrem Malaria-Test, welches Potenzial hat er? Bitte erklären Sie kurz, was der Test kann.
Dazu muss ich ausholen und kurz das Setting erklären. Blutbilder sind einer der wichtigsten diagnostischen Tests in der klinischen Routine. Mehr als 30 % aller klinischen Proben werden auf hämatologische Eigenschaften untersucht. Kurioserweise hat sich in diesem Bereich die Technologie seit Jahrzehnten kaum entwickelt. Zudem nutzt man in der Routine nur einen Bruchteil der Daten, die ein Hämatologie-Automat für ein Blutbild erstellt.
Der Malaria Test ist noch im Forschungsstadium. Aber stellen Sie sich vor, dass ein Automat weit mehr an Informationen liefern kann als ein klassisches Blutbild, wo primär die Konzentration von Blutzellpopulationen erfasst wird. An dieser Schwelle stehen wir und der Algorithmus für Malaria ist eigentlich nur ein prominentes Fallbeispiel. Das Kuriose am Algorithmus ist, dass der Großteil der Information zu einer Malariainfektion von den Blutplättchen herrührt. Dieses Ergebnis ist nicht-intuitiv und patentwürdig. Der Siemens Advia 2120 lieferte zudem geniale Datenmuster, wobei mein Kollege Jan van den Boogaart das Glück hatte, gut charakterisierte Malaria Proben in Südafrika zu bekommen.

?Was bedeuten Preise für Sie als Forscher?
Forscher sehnen sich nach Anerkennung, auch wenn die meisten es vermutlich nicht zugeben würden. Die Ehre dieses Preises ist aber vergänglicher Natur. Ich muss gestehen, ich war bei den herausragenden Leistungen der nominierten Kollegen sehr von unserer Auszeichnung überrascht. Was mir in Erinnerung bleiben wird, ist der geniale Event in Venedig, den das EPO ausgerichtet hat. Meine Kinder durften bei der Preisverleihung dabei sein und unvergessliche Eindrücke sammeln. Meine Tochter hatte zudem noch ihren Geburtstag. Zwölf Jahre und Venedig – besser geht es nicht. Für mich persönlich war Venedig zugleich ein Abschluss. Vor dreizehn Jahren war ich in Venedig und habe beschlossen, die Hochschule zu verlassen. Heuer bin ich wieder in Venedig und kehre nun zurück in den Schoß der Alma Mater.

?Ihre Forschungsarbeit hat eine unmittelbare Auswirkung auf ein großes medizinisches Thema. In welcher Form arbeiten Sie interdisziplinär?

Ich denke, Malaria ist ein sehr emotional besetztes Thema. Mein Gefühl sagt mir aber, dass wir langfristig für die Klinik einen wesentlichen Beitrag geliefert haben, die klassische Durchflusszytometrie in der Hämatologie neu zu überdenken. Automatisierte Erkennung von Krankheiten mit einem Hämatologieautomaten oder auch patientennahe funktionale Zelldiagnostik werden kommen. Neue Technologien und Algorithmen werden die Wegbereiter sein, die klinische Diagnostik zu unterstützen und zu verbessern. Der Preis hat sicherlich geholfen, die industrielle Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Ich hatte immer das Glück, für meine oft sehr exotische Forschung Finanzierungen zu bekommen, da ich wohl ausreichend überzeugen konnte, aber auch Resultate geliefert habe. Tatsächlich waren die Ideen zu meinen Arbeiten aber immer das Resultat der Zusammenarbeit in Teams, wo ich immer wieder auf wechselnde Fachgebiete, Charaktere und Expertisen gestoßen bin. Die ultima ratio meiner interdisziplinären Arbeit ist aber simpel – Kultur und Sprache. Wenn Sie es nicht verstehen, eine geeignete Forschungskultur aufzubauen, und nicht versuchen, Ihren klinischen Partner wirklich zu verstehen, ist wissenschaftlicher Erfolg noch mehr Zufall als dieser es ohnehin schon ist. 

?Wie wichtig ist interdisziplinäre Zusammenarbeit generell in der Forschung?

Interdisziplinäre Arbeit ist natürlich das Schlagwort der Zeit. Die Grenzen der klassischen Forschungsgebiete verfließen. Zudem fallen immer mehr Barrieren, die es ermöglichen, Forschungsgebiete einfacher zu wechseln. Dies war in der Akademie vor noch wenigen Jahren riskant. Interdisziplinarität ist aber nicht das Credo für gute Forschung. Komplexe Projekte brauchen oft viele Expertisen, die nur noch von Teams gestemmt werden können. Interdisziplinarität ist eine logische Konsequenz.

?Wie bewerten Sie den Forschungsstandort Österreich? Was braucht das Land, um als Forschungsstandort attraktiver zu werden?

Ich habe Österreich vor über zehn Jahren verlassen und kann dies eigentlich nur mit einer Gegenfrage beantworten. Warum gibt es die Frage nach der Attraktivität noch immer? Schon zu meinen Studienzeiten vor über 20 Jahren gab es diese Fragen. Dass viele von uns beispielsweise nicht in der Heimat forschen, ist aber kein Zeichen für einen schwachen Standort. Es sollte als Auszeichnung verstanden werden, dass wir gute Leute haben und eine hochwertige Ausbildung, die international geschätzt wird. Um den Standort zu stärken, muss man sich vielmehr die Frage stellen, was man mit Forschung und vor allem den Ergebnissen erreichen möchte. Die Antwort muss aus der Gesellschaft kommen, die uns finanziert und die hoffentlich ein Interesse am Fortschritt und an innovativen Produkten hat. 

?Was würden Sie sich für die heimische Forschungslandschaft – auch die medizinische – wünschen?

Erfolg und einen offenen Dialog mit der Bevölkerung. Ich glaube die Science Busters sind ein wunderschönes, typisch wienerisches Beispiel, wie man mit Humor Verständnis und Neugierde für Forschung in der breiten Bevölkerung erreichen kann. Derjenige, der das Herz der Menschen gewinnt, wird auch ihre „budgetäre“ Aufmerksamkeit gewinnen.

?Welches persönliche Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?
Im Moment starte ich mal wieder bei null: keine Vorlesungsfolie, kein Labor, kein Team, aber viele Ideen und der festen Überzeugung, dass ich am neuen Flaggschiff der Technischen Universität München, dem TranslaTUM, etwas bewegen kann. Zentral dabei ist, eine Forschungskultur zwischen Ingenieuren und Medizinern aufzubauen, die uns eine erfolgreiche Zukunft als transnationales Zentrum an der Klinik rechts der Isar sichern wird. Sie merken, Kultur ist mir wichtig. Mein persönliches Forschungsziel ist aber klar definiert: Translation. Die Laborprototypen müssen laufen, sich klinisch beweisen und, wenn wir Glück haben, in einem Start-up zu einem Produkt werden. Eine Knochenarbeit, aber genau das, was ich immer wollte. bw

 

Tipps für Ihre Karriere

  1. Mehr Berufung und weniger Beruf. Wenn Sie zur „Arbeit“ gehen, haben sie mit Forschung die falsche Wahl getroffen.
  2. Nehmen Sie sich Zeit für ein soziales Leben und entwickeln Sie Ihre Soft Skills. Mit Genius alleine kommen Sie auch nicht weiter.
  3. Widmen Sie sich einem neuen Thema, wenn Sie die Grenzen einer Methodik erkennen. Der unbequeme Weg bietet die Chance sich weiterzuentwickeln.

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Evangelisches Krankenhaus Wien; 1180 Wien (zur Ausschreibung)

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Klinikum Schallerbacherhof; 4701 Bad Schallerbach [zur Ausschreibung]

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