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Kinder- und Jugendgesundheit: Eine lohnende Aufgabe

Die Kinder- und Jugendgesundheit zu fördern, ist im Sinne einer nachhaltig gesunden Gesellschaft das Gebot der Stunde. Der neue Präsident der Österreichischen Kinder- und Jugendliga, Dr. Christoph Hackspiel, gibt einen Einblick in sein umfangreiches Arbeitsprogramm.


Dr. Christoph Hackspiel, Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

Das Themensetting im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit ist in den letzten Jahren sehr gut gelungen. Wo sehen Sie noch große „offene“ Handlungsfelder?
In den letzten zehn Jahren hat die Liga großartige Aufbauarbeit geleistet und das Netzwerk von null auf 90 Organisationen erweitert. Wir haben die maßgeblichen Interessensverbände und auch Privatinitiativen, die sich für Kinder- und Jugendgesundheit engagieren, im Boot. Deutlich gezeigt hat sich auch, dass wir nicht mehr nur von körperlicher Gesundheit sprechen.
Um die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen nachhaltig zu sichern, müssen wir das Thema um die psychische, seelische und soziale Dimension erweitern. Die Welt der jungen Generation ist enorm komplex geworden und viele leben in häuslichen Bedingungen, die wenig förderlich sind. Allein 300.000 Kinder sind armutsgefährdet und wie wir wissen, macht Armut auch krank. Die Themen, die es daher zu bearbeiten gilt, reichen von der Ernährung über die grundlegende medizinische Basisversorgung bis hin zu Gewalt, instabilen Beziehungen, Isolation, Aggression oder Rückzug. Unsere Aufgabe als Liga muss es sein, noch nachdrücklicher darauf hinzuweisen, dass hier Investitionen in unser aller Zukunft erforderlich sind!
Was sind konkret die Arbeits-pakete, die anstehen?
Wir setzen weiterhin auf Daten und Fakten, die erhoben, ausgetauscht und evaluiert werden. Damit decken wir Versorgungslücken auf und suchen gleichzeitig gute Praxisbeispiele, die es auszubauen gilt. Ein Schwerpunkt wird sicher die seelische Gesundheit sein, denn hier ist die Grundlage für die Resilienzfähigkeit der Kinder, sodass sie auch unter erschwerten Bedingungen positive Perspektiven entwickeln können. Dazu gehört auch, dass die Eltern unterstützt werden und ihren Kindern Rückhalt für diese Entwicklung geben können.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den Spitzenplätzen im europäischen Vergleich ist die Formulierung politischer Strategien und Ziele, die auf die speziellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sind. In Österreich wurden 2011 die Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie und 2012 die Rahmengesundheitsziele des BMG unter Beteiligung der Kinderliga geschaffen. Die dort definierten Ziele müssen sich jedoch noch viel mehr in allen politischen Entscheidungen widerspiegeln. Es entsteht im Moment der Eindruck, dass das Thema Kinder- und Jugendgesundheit von der aktuellen politischen Agenda anscheinend weitgehend verschwunden ist.

Kann die Liga hier auf Erfahrung zurückgreifen?
Auf jeden Fall. Die Frühen Hilfen waren ein Thema, das wir entwickelt und gefördert haben. Das ist die wohl wirksamste und frühzeitigste Form der Prävention. Damit zeigen wir auch, dass die Kooperation unterschiedlicher medizinischer Berufe mit psychosozialen und therapeutischen Berufen eine wichtige Basis ist, um diese Unterstützung anzubieten.

Gibt es konkrete Forderungen an die Politik und wenn ja, an wen?
Wenn Kinder- und Jugendgesundheit in allen Dimensionen begriffen wird, so ist das Thema ressortübergreifend. Health in All Policies darf kein Schlagwort bleiben, sondern muss gelebt werden. Wir brauchen eine „Kinderverträglichkeitspolitik“ ähnlich einer Umweltverträglichkeitsprüfung. Jede Familie investiert in ihre Kinder, um die Zukunft zu sichern, das muss auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene passieren.
Die Kinder- und Jugendliga ist eine österreichweite Vereinigung, das sehen wir in der Vielfalt als Ressource, nichtsdestotrotz müssen wir in vielen Feldern aber einheitliche Standards auf Bundesebene durchsetzen, um auch gerechte Bedingungen für alle Betroffenen zu haben.
Konkret benötigen wir nach wie vor in vielen Bereichen bessere Daten, um konkrete Schritte setzen zu können. Die Chancengleichheit, vor allem für sozial schwächere Kinder, muss deutlich gestärkt werden, etwa im Zugang zu freien Therapieplätzen oder der Streichung von Selbstbehalten. Wir dürfen es nicht zulassen, dass breite Bevölkerungsschichten den Anschluss verlieren und aufgrund ihrer sozioökonomischen Voraussetzungen ihren Kindern eine vernünftige Lebensqualität vorenthalten.

Sie sind Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs und in zahlreichen Gremien aktiv. Wie viel Zeit bleibt für die neue Aufgabe?
Wie haben auf einen ehrenamtlichen Präsidenten umgestellt und werden die Geschäftsführung ausbauen. Für mich ist Kinder- und Jugendgesundheit ein Anliegen in all meinen Positionen, sodass ich meine Kontakte, meine Expertise und mein Netzwerk dazu nutzen werde, das Thema immer auf der Agenda zu haben. Die neuen Medien machen es auch einfacher, ortsunabhängig zu arbeiten. Meine Wurzeln sind in Vorarlberg, einem Bundesland, das in vielen Punkten der Kinder- und Jugendgesundheit als Vorreiter gilt, daher ist der Austausch mit allen Bundesländern relevant. Zudem ist unser Vorstand sehr gut aufgestellt und wir können praktisch zu jedem Thema rasch und kompetent die erforderliche Fachexpertise aufstellen, das kann nicht nur an einer Person hängen.

Haben Sie selbst Kinder? Worauf haben Sie bei der Erziehung besonders Wert gelegt?
Ich habe zwei Töchter und vier Enkelkinder. Für mich war und ist es immer eine Freude, das Aufwachsen grundsätzlich zu erleben. Ein liebevolles Miteinander ist die Basis, dass auch größere Konflikte mühelos gelöst werden können. Das benötigt natürlich Zeit und Energie, daher kann ich sehr gut nachvollziehen, dass Menschen, die selbst am Limit ihrer Möglichkeiten agieren, oft an der Kindererziehung verzweifeln und Hilfe benötigen. Genau hier wollen wir ansetzen: Niemand darf allein gelassen werden mit seinen Sorgen und Nöten, und schon gar nicht die Jüngsten in der Gesellschaft. Nicht umsonst heißt es: „Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen“ – wir haben heutzutage viel weniger echte soziale Kontakte, damit meine ich keine Internet-Netzwerke, als je zuvor. Diese fehlende Unterstützung macht sich in der Lebensqualität massiv bemerkbar und diese Lücke möchten wir als Liga schließen. Die Freiräume der Kinder und Jugendlichen gehen immer mehr zurück, sie leben in virtuellen Welten, haben scheinbar große soziale Netzwerke, aber bei näherem Hinsehen sind sie einsam, isoliert und benötigen menschliche Zuwendung mehr denn je. Kinder müssen wieder das Recht haben, sich das Knie aufschlagen zu dürfen und dabei eine helfende Hand bei sich zu haben!

Wenn wir in fünf Jahren wieder zusammensitzen, worauf werden Sie besonders stolz zurückblicken?
Für die Liga nach innen auf viel Kraft und Energie, die uns geholfen hat, unser Netzwerk weiter auszubauen und mit einer starken Stimme für die Anliegen der Kinder- und Jugendlichen zu sprechen.
Nach außen auf deutlich mehr finanzielle Mittel und gesellschaftliche Investitionen in die vielen Dimensionen der Kinder- und Jugendgesundheit.

Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

Die Liga ist ein berufsübergreifender Dachverband für Fachgesellschaften und Berufsverbände, für alle mit Versorgung, Wissenschaft und Lehre befassten Organisationen, ebenso wie für Anbieter von Selbsthilfe oder gesundheitsfördernden Aktivitäten sowie Elternvertretungen und engagierte Einzelpersonen, die im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit tätig sind. Sie ist eine gemeinnützige, überparteiliche und überkonfessionelle Initiative. Die Kinderliga engagiert sich für die Anliegen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, macht Mängel in der Versorgung zum Thema, bündelt Meinungen, erarbeitet Lösungsvorschläge und fordert gesellschaftliche und politische Verantwortung ein.

Kurzbio

Dr. Christoph Hackspiel: geboren 1957 in Bregenz, verheiratet
Ausbildungen: Psychologe, Psychotherapeut, Mediator/Coach
Beruflich: Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs, als größter Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Vorarlbergs mit vielfältigen präventiven, ambulanten und stationären Angeboten, Obmann des Arbeitgebervereins für Sozial- und Gesundheitsorganisation in Vorarlberg (AGV), Mitglied im Vorarlberger Sozialfonds, Obmann Offene Jugendarbeit, Vorstand Verein Tagesbetreuung; Psychotherapiebeirat, Referent und Berater in psychosozialen und sozialpolitischen Kontexten


Chefarzt/Chefärztin Abteilung Innere Medizin

Zentralkrankenhaus Bozen; CH-39100 Bozen [zur Ausschreibung]

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Arzt/Facharzt für Arbeitsmedizin in Leitungsfunktion (m/w)

BMW Group; 4400 Steyr
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Fachärztin/-arzt für Radiologie

Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried, 4910 Ried im Innkreis
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FA für Kinder- u. Jugendpsychiatrie und psychotherapeutische Medizin

PSN - Psychosoziales Netzwerk; 8940 Liezen
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Kooperationspartner