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Nützt Genialität dem akademischen Prestige?

Der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus (1892-1970) ist nicht nur Medizinern als „Ogino-Knaus“ in Erinnerung. Tatsächlich hat er Ende der 1920er-Jahre die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau aufgeklärt – gleichzeitig mit dem japanischen Kollegen Kyusaku Ogino, aber unabhängig von diesem.


Dr. Petra Pateisky, Assistenzärztin an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. FOTO: Mee-Shoo e.U. / Mag. Sebastian Kaczor

Rund 30 Jahre lang – bis zur Entwicklung der Pille – war die Rechenmethode eine der wenigen halbwegs verlässlichen Verhütungsmethoden. Das „Tagezählen“ war aber auch bei der Behandlung ungewollt kinderloser Ehen erfolgreich.
Mit seiner bahnbrechenden Aufklärung des physiologischen Zusammenhanges zwischen Eisprung und Menstruation revolutionierte Knaus das Wissen seiner Zeit. Doch er und seine Lehre wurden von der Kollegenschaft vehement und über lange Jahre abgelehnt, ja sogar massiv bekämpft. Und statt milder und diplomatischer zu werden, wurde er im Ton immer schärfer, in seinen Überzeugungen immer fester, in seiner Geduld immer kürzer. Die Welt hatte es recht schwer mit ihm.

Kommunikative Mängel

Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor an der Universität Bochum, konstatiert bei vielen Genies kommunikative Mängel: „Fehlende soziale Kompetenz ist kein Kennzeichen des wahren Genies, sondern eine bedauerliche Schwäche von in anderen Punkten großartigen Menschen. Man erlebt dann in Widerständen nur eine Bestätigung der vermuteten eigenen Genialität und nicht etwas, was man selbst durch entsprechende geschickte Maßnahmen – oder durch das Finden von entsprechend geschickten Helfern – überwinden kann oder zumindest versuchen sollte.“
Andere Genies haben ebenfalls die Medizin revolutioniert, mussten aber nicht kämpfen, beispielsweise der französische Chemiker und Mikrobiologe Louis Pasteur. Die Hauptstraße fast jeder französischen Stadt und jeden Dorfes trägt seinen Namen. „Er war es, der die Menschen davon abhielt, auf die Straße zu spucken, sie anleitete, Abwassergräben zu bauen, und sie dazu brachte, sich impfen zu lassen.“
Warum erhielten seine Erkenntnisse offenbar so leicht und nachhaltig allgemeine Zustimmung und Verbreitung – im Gegensatz zu Knaus’ ewigem Kampf um Anerkennung? Für Wottawa „ist Pasteur der Inbegriff eines hochbegabten und sozial sehr geschickten Menschen, der sich eine sehr geachtete gesellschaftliche Position erarbeitet hatte, was ohne soziale Kompetenz nicht geht.“
Der Unterschied zwischen der Akzeptanz von Pasteur durch die Scientific Community und der Skepsis gegenüber Knaus kann auch aus einem karrierepolitischen Winkel beleuchtet werden: Das Graben von Abwasserkanälen, die Sicherung von sauberem Trinkwasser, die Verbesserung der Wohnverhältnisse sind prestigeträchtige Hygienemaßnahmen.
Wer sich berufspolitisch profilieren will, setzt hier auf das richtige Pferd. Er beweist die Hollywood-­Attribute eines Erfolgsmenschen: technologisch, öffentlich (= sichtbar), aktiv, dynamisch, männlich. Im Gegensatz dazu zeigt die Unterstützung von Knaus’ Lehre keine derartigen Anschieber für eine steile Berufskarriere: Die Beweise für die Bedeutung seiner Lehre sind wenig sichtbar und lassen sich unter dem Pronomen „kein“ zusammenfassen: „kein weiteres Kind“, „keine schnell aufeinanderfolgenden Schwangerschaften“, „keine Schwächung der Frau durch zu viele Geburten“, „keine Überforderung der ökonomischen Familiensituation“.
Wer auf dieses Pferd setzt, macht es aus Überzeugung, aber nicht für Prestige­gewinn im akademisch­-wissenschaftlichen oder gesundheitspolitischen Bereich. Die damit verbundenen Attribute sind für Erfolgsmenschen nicht erstrebenswert, denn sie sind nicht positiv besetzt: langsam, privat (= unsichtbar), vermeidend, nicht absolut zuverlässig. Das Schlimmste überhaupt: von Frauen abhängig! Wer will schon seinen möglichen Lehrstuhl von der Zuverlässigkeit seiner Patientinnen abhängig machen?

Klinischer Alltag hat sich gewandelt

Hermann Knaus galt als strenger, aber engagierter und prägender akademischer Lehrer. So sagte sein ehemaliger Schüler Hugo Husslein bei seiner Antrittsvorlesung im Jahr 1964: „Was ich heute bin und kann, verdanke ich in erster Linie Knaus. Er war mein eigentlicher Lehrer. Bei ihm habe ich das Operieren gelernt.“ Doch: „Für diesen starken Fokus auf Weitergabe des ärztlichen und wissenschaftlichen Erfahrungsschatzes an die jungen Kollegen, dem Knaus so großes Augenmerk geschenkt hat, lässt der heutige Klinikalltag leider oftmals zu wenig Zeit und Platz“, sagt Dr. Petra Pateisky, Jahrgang 1983, seit Jänner 2013 Assistenzärztin an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und demnächst fertige Fachärztin. „Für die eigene Karriere scheint es oft wichtiger zu publizieren, als sein Wissen weiterzugeben. Lehrveranstaltungen bringen wenigstens einige Punkte, aber die individuelle Wissensweitergabe ist vor allem zusätzlicher Zeitaufwand, der sich nicht objektiv abbilden lässt. Mentorship wird im angloamerikanischen Raum viel mehr wertgeschätzt als bei uns. Ich habe das Glück, dass mein Chef Lernen schätzt und ermöglicht, trotzdem kommt es für uns Junge darauf an, es auch einzufordern.“

Höflich, aber hartnäckig

Während ihrer Ausbildungsjahre hat Pateisky ihre persönlichen Strategien entwickelt, um nach dem Erlernen der klinischen Basistätigkeiten und der Erlangung einer entsprechenden Routine ihre Fähigkeiten und Stärken fortzubilden: „Es bringt mir viel und macht mich stolz, von einem erfahreneren Kollegen direkt lernen zu dürfen. Wenn man direkt darum bittet, stößt es anfangs manchmal auf Überraschung. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, frage ich wieder danach. Der Ton macht viel aus. Ich bleibe höflich, bin aber hartnäckig.“
Knaus hat Zusatzausbildungen gemacht – beispielsweise in Chirurgie und Urologie –, um möglichst alle Fragestellungen seines Faches in hoher Qualität abdecken zu können. Knaus ist zu hervorragenden Lehrern in Deutschland, England und Frankreich gegangen, um neue Methoden und Herangehensweisen zu lernen. „Auch wenn ich ein völlig anderer Typ bin als Hermann Knaus und auch unterschiedliche Forschungsschwerpunkte habe, kann ich mir von ihm und anderen ‚großen Alten‘ eine Menge abschauen“, ist Pateisky überzeugt.

Auslandsaufenthalte und Fortbildungen

Auch sie absolviert neben ihrer gynäkologischen Ausbildung einige Weiterbildungen, etwa das ÖÄK-Diplom Akupunktur, das sie im Rahmen eines einmonatigen Aufenthaltes am Obstetrics and Gynaecology Hospital and Beijing Traditional Chinese Medicine Hospital speziell in der Gynäkologie und Geburtshilfe einsetzen konnte. Weitere Auslandsaufenthalte waren in Tansania sowie in Spanien. Am Ende ihrer Assistentenzeit will sie neuerlich Auslandserfahrung sammeln.
Auch die Mitarbeit in Fachgesellschaften ist für Pateisky eine gute Möglichkeit, Neues zu lernen, in diesem Fall Abläufe, Hintergründe, Abstimmungstechniken oder die Entwicklung von Leitlinien. Seit mehreren Jahren hat sie Funktionen im Rahmen der ÖGGG (Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) inne und und engagiert sich außerdem bei der Vertretung von Ausbildungsinteressen der gynäkologischen Assistenzärzte an ihrer Klinik: „Man lernt, überlegter und gezielter nachzufragen. Damit macht man sich nicht unbedingt beliebt, denn man muss auch aufzeigen, was nicht funktioniert.“
Sie ist überzeugt, dass im Klinikalltag die Scheu vor zusätzlicher Arbeit nicht angebracht ist: „Auch wenn sie im Moment vielleicht nicht viel bringt... In dieser Hinsicht ist er ein absolutes Vorbild. Ob mir Knaus sympathisch gewesen wäre, will ich eigentlich gar nicht beurteilen. Was mich an ihm neben seiner wissenschaftlichen Präzision am meisten beeindruckt, ist das Feuer, das in ihm brannte. Wenn man gut sein will in seinem Fach, dann braucht es Leidenschaft“, ist sich Pateisky sicher.

Buchtipp

Susanne Krejsa MacManus, Christian Fiala: Der Detektiv der fruchtbaren Tage. Die Geschichte des Gynäkologen Hermann Knaus (1892–1970)
272 Seiten, Band 1 der Schriftenreihe des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Verlagshaus der Ärzte, ISBN 978-3-99052-146


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